
Ein mechanisches Uhrwerk lebt von Präzision im Kleinen: Reibung, Spiel, Schmierstoff und Sauberkeit entscheiden darüber, ob Sekunden ruhig laufen und die Gangwerte stabil bleiben. Beim Service geht es nicht nur um das Zerlegen und Reinigen, sondern um das Erkennen von Abnutzung, die sich im Alltag zunächst kaum zeigt.
Uhrmacher prüfen Zapfen, Lager, Triebe und die Kraftübertragung vom Federhaus bis zur Hemmung. Dabei zählen Messwerte ebenso wie Erfahrung: Geräusche beim Aufzug, das Verhalten der Unruh in verschiedenen Lagen und feine Spuren an Lagersteinen geben Hinweise, ob Teile nachgearbeitet, ersetzt oder neu justiert werden müssen.
Auch die richtige Behandlung von Gehäuse und Dichtungen gehört dazu. Staub, Feuchtigkeit und alte Öle können die Funktion schleichend beeinträchtigen; nach dem Zusammenbau folgen Regulierung, Kontrolle der Gangreserve und Tests, die zeigen, ob das Werk unter realistischen Bedingungen stabil arbeitet.
Zerlegen & Sichtprüfung: Welche Bauteile (Zapfen, Lagersteine, Triebe) zeigen Verschleiß und Spiel?
Beim Zerlegen wird jedes Teil einzeln abgenommen, gereinigt und unter der Lupe kontrolliert. Schon kleinste Spuren am Stahl oder an den Lagerflächen verändern die Reibung, und dadurch sinkt die Amplitude oder die Uhr läuft unruhig.
Zapfen: Spuren am Stahl und messbares Spiel
Zapfen werden auf Riefen, Verfärbungen, matte Stellen und konische Abnutzung geprüft. Kritisch sind auch Druckstellen nahe dem Zapfenansatz sowie verbogene Zapfen nach Stoßbelastung. Das seitliche und axiale Spiel zeigt sich beim leichten Bewegen des Rades im eingebauten Zustand; zu viel Spiel weist oft auf eingelaufene Lager oder beschädigte Steine hin, zu wenig auf Verspannung, Schmutz oder falsch gesetzte Brücken.
- Riefen oder „Polierschatten“: Hinweis auf fehlenden Schmierfilm oder Schmutzpartikel
- Konische Form statt Zylinder: längere Laufzeit mit zu wenig Öl
- Unrunde Zapfen: erzeugen Taumeln, ungleichmäßigen Abfall und wechselnde Reibung
- Axialspiel außerhalb der Toleranz: kann Zeigerreibung oder Hemmungsprobleme nach sich ziehen
Lagersteine: Bohrung, Deckstein, Ölzustand
Lagersteine zeigen Verschleiß meist als aufgeweitete Bohrung, Ausbrüche an der Kante oder feine Sprünge, die erst im Streiflicht auffallen. Bei Decksteinen sind Kratzer und matte Zonen häufige Zeichen von Trockenlauf; der Ölfleck wirkt dann unregelmäßig, „ausgeblutet“ oder sitzt nicht zentriert. Auch die Passung im Chaton bzw. in der Platine wird geprüft: ein lockerer Stein führt zu wandernder Lagerposition und wechselndem Eingriff.
- Bohrungsrand prüfen: Ausbrüche erzeugen Grat, der den Zapfen „frisst“
- Decksteinfläche prüfen: Mikroriefen stören die Ölverteilung
- Ölbild beurteilen: zu großer Fleck oder trockener Ring deutet auf falsche Menge oder Alterung
- Sitz kontrollieren: Stein darf sich nicht drehen oder kippen
Bei Trieben und Eingriffen fallen Verschleißbilder oft an den Flanken auf: polierte Glanzstreifen, Kantenrundung oder Materialabtrag an den Triebzähnen. Das zeigt sich als erhöhtes Zahnflankenspiel, Geräuschbildung oder ruckelnder Kraftfluss, besonders im Wechsel zwischen Minutenrad, Kleinbodenrad und Sekundenrad. Auch schief stehende Triebe durch verbogene Wellen verursachen ungleichmäßigen Eingriff und punktuelle Lastspitzen.
- Abgerundete Triebzähne: mehr Spiel, schlechter Wirkungsgrad
- Einseitige Politur: Schiefstand oder falsche Lagerung
- Grat an den Flanken: Risiko für Späne und Folgeschäden
- Unruhige Sekundenanzeige: typischer Hinweis auf Probleme im Räderwerk-Eingriff
Zum Abschluss der Sichtprüfung wird das Zusammenspiel bewertet: Räder müssen frei auslaufen, ohne spürbares Kratzen, und die Endschüttel der Wellen muss gleichmäßig sein. Kombiniert man die Befunde an Zapfen, Steinen und Trieben, lässt sich ableiten, ob Politur, Steinwechsel, Neubuchsen oder der Austausch eines Rades nötig ist, bevor neu geölt und reguliert wird.
Reinigung & Schmierung: Reinigungsstufen, Öle/Fette und Auftragsmengen
Vor der Schmierung steht die saubere Oberfläche: Üblich sind drei Stufen – Grobreinigung (Zerlegen, Abheben alter Fette, Vorwäsche), Maschinenreinigung im Mehrbad-System (Reiniger, zwei Spülbäder) und abschließendes Trocknen ohne Rückstände. Zapfen und Lagerbohrungen werden dabei auf Schmutzkränze geprüft; bei hartnäckigen Ablagerungen folgt eine gezielte Handreinigung mit Pegwood oder feiner Bürste, statt lange „nachzuwaschen“. Nach der Reinigung bleiben Hemmungsflächen und Lager trocken, bis die Montage unmittelbar bevorsteht.
Hemmung: minimale Mengen, passende Viskosität
Ankerpaletten und Hemmrad verlangen sehr dünnflüssiges Hemmungsöl, dosiert als winziger Film auf den Impulsflächen; eine sichtbare Tropfenform ist hier schon zu viel. Die Ankerrad-Zapfen erhalten ein feines Lageröl mit kleiner Tropfenlinse, so dass das Öl den Zapfenansatz benetzt, aber nicht zur Hemmung wandert. Die Ankerwellenlager werden sparsam gesetzt; Palettensteine bleiben an den Sperrflächen trocken, Schmierstoff gehört nur an die Arbeitsflächen.
Räderwerk: stabile Öle, saubere Ölsitze
Für Minutenrad, Kleinbodenrad und Sekundentrieb wird je nach Lagerdurchmesser ein mittel- bis dünnflüssiges Lageröl gewählt: kleine Lager mit dünnerem Öl, größere Lager mit etwas höherer Viskosität. Die Auftragsmenge orientiert sich am Ölsitz: eine runde, klar begrenzte Öllinse, die etwa den halben bis zwei Drittel des Ölsenkers füllt; sie darf weder überlaufen noch so klein sein, dass sie am Rand abreißt. Bei Decksteinen wird nur so viel gesetzt, dass sich ein gleichmäßiger Ring bildet, ohne dass Öl in die Chaton- oder Steinfasen kriecht.
Im Federhaus gelten andere Regeln: Die Feder wird gereinigt, kontrolliert und je nach Bauart mit Federfett oder spezieller Bridle-Paste behandelt. Auf die Federflanken kommt ein gleichmäßiger, hauchdünner Fettfilm; Klumpen verursachen Rutschen, unruhige Amplitude oder Fettwanderung. Federkernlager und Federhausdeckel erhalten ein zäheres Fett oder ein höher viskoses Öl (je nach Konstruktion), jeweils als kleine, stabile Linse; die Innenwand des Federhauses bleibt bei Bridle-Systemen gezielt mit passender Paste benetzt, damit der Gleitpunkt definiert ist.
Als Praxischeck nach dem Zusammenbau dienen Sichtkontrolle unter der Lupe, freier Abfall der Räder und ein kurzer Probelauf: Öle sollen im Ölsitz „stehen“ und nicht in die Zahnflanken ziehen; an der Hemmung darf nichts glänzen außer dem schmalen Impulsfilm. Wo Öl wandert, war die Menge zu groß oder die Viskosität zu niedrig; wo Lager trocken laufen, war der Tropfen zu klein oder der Ölsitz verschmutzt.
